Wie hat sich interkulturelle Arbeit verändert?

Aktualisiert: 26. Juni 2019



Darauf antwortet Jürg Pfister, Leiter von SAM global.


Mission ist veraltet, eine lebenslängliche Verpflichtung, nur etwas für Übermenschen – zu interkultureller Arbeit kursieren viele abschreckende Vorurteile und Klischees. Weshalb ist das so?

Ich glaube, viele Menschen haben einfach nicht mitbekommen, wie sich interkulturelle Arbeit über die letzten Jahrzehnte verändert hat, da sie keinen konkreten Bezug dazu haben. Früher war vieles wirklich so, wie das heute in den Klischees dargestellt wird – aber inzwischen ist eine enorme Entwicklung geschehen.


Wie hat sich interkulturelle Arbeit weltweit gesehen denn verändert?

Heute gibt es sehr viele Länder mit vielen evangelischen Christen und gut ausgebildeten Leuten – das war vor 130, als SAM global gegründet wurde, oder auch vor 30 Jahren noch anders. Wir müssen deshalb genau eruieren, wo es noch Leute aus dem Westen braucht und wozu. Inzwischen gibt es auch mehr Mitarbeitende aus der Zweidrittel-Welt, also aus Asien, Lateinamerika und Afrika, als aus dem Westen – zum Beispiel senden einige asiatische Länder jedes Jahr hunderte Mitarbeitende in die ganze Welt. Trotzdem haben wir im Westen immer noch eine sehr wichtige Funktion: Wir haben am Anfang viele Fehler gemacht – fehlende Sensibilität gegenüber Kulturen, keine kontextualisierten Methoden etc. Wenn wir die «neuen» Mitarbeitenden unterstützen, können solche Fehler vielleicht vermieden werden. Unsere langjährige Erfahrung ist sehr wertvoll. Zudem ist die Kaufkraft in westlichen Ländern immens und so spielen wir auch von den Finanzen her eine wichtige Rolle – wir können einfacher Leute aussenden, aber auch lokale Mitarbeitende unterstützen.

Auch die Arbeit in den Einsatzländern hat sich verändert: Heute geht es nicht mehr in erster Linie darum, Dinge selber zu machen, sondern Prozesse auszulösen, Capacity Building zu betreiben und Leute auszubilden – und dabei gleichzeitig von ihnen zu lernen. Deshalb haben wir als Vision auch «Mit Bildung Leben verändern» definiert. Es wird verstärkt projektorientiert gearbeitet: Während man früher ohne konkreten Plan einfach auf die Bedürfnisse eingegangen ist, überlegt man sich heute viel stärker, wie man nachhaltige Veränderung auslösen kann. Das Ziel ist heute von Anfang an, das Projekt eines Tages an die lokale Bevölkerung zu übergeben. Auch hilft man heute nicht mehr in erster Linie mit Geld, sondern unterstützt die Leute darin, selber ein Einkommen zu erwirtschaften. So können Abhängigkeiten vermieden werden.


Wie hat sich interkulturelle Arbeit bei SAM global verändert?

Als SAM global gegründet wurde, arbeiteten wir praktisch überall in Pioniersituationen. Es gab noch kaum Partner in den Einsatzländern und vieles war von unseren Mitarbeitenden abhängig. Heute ist das anders: Wir haben vielerorts gute Partner, mit denen wir zusammenarbeiten können. Wir sind dadurch effizienter, können mehr umsetzen und Wissen und Fähigkeiten multiplizieren. Die Chance, dass etwas auch ohne unsere Präsenz vor Ort weitergeht, ist viel grösser.

Wir sind kulturell sensibler und differenzierter geworden. Wir überlegen uns viel stärker, was in welchem Kontext wirklich Sinn macht – und reflektieren auch unsere eigene Kultur kritischer: Was ist wirklich biblisch und was machen wir einfach, weil es unserer Schweizer Kultur entspricht?

Lange sind unsere Mitarbeitenden zudem als «Career Missionaries» für einen fast lebenslangen Einsatz ausgereist. Aktuell liegt die durchschnittliche Einsatzzeit bei SAM global bei sieben Jahren. Während das einerseits herausfordernd ist, hat es auch Vorteile: Die Einsatzleistenden überlegen sich viel eher, wie sie die Projekte übergeben können und bilden entsprechende Personen aus. Man taucht dadurch aber nicht gleich tief in die Gedanken- und Erlebniswelt sowie in die Sprache und Kultur der Bevölkerung vor Ort ein.


Was hat sich dadurch konkret für die Mitarbeitenden verändert?

Heute steht für die Einsatzleistenden stärker im Vordergrund, dass sie ihr Know-how und ihre Gaben sinnvoll einbringen können und sie wirklich gebraucht werden. Deshalb gibt es Stellenbeschriebe und Projektbeschriebe. Bei jedem neuen Bewerber schauen wir: Wo passt er oder sie am besten hin? Wofür schlägt sein Herz, welches Projekt entspricht seiner Vision? An welchem Ort kann er seine Gaben und Fähigkeiten am besten einbringen?

Ein weiterer Unterschied: Früher waren wir viel mehr an vorderster Front bei der Weitergabe des Evangeliums. Heute arbeiten unsere Mitarbeitenden diesbezüglich eher im Hintergrund und sensibilisieren, trainieren, fördern und unterstützen lokale Mitarbeitende, welche die Kultur und Sprache perfekt kennen.


Wieso hat sich interkulturelle Arbeit denn überhaupt so verändert?

Die Welt hat sich verändert – Kontinente wie Afrika, Asien und Südamerika haben einen Wandel durchgemacht, sowohl wirtschaftlich als auch im geistlichen Bereich. Dadurch mussten wir natürlich überlegen, was das für uns als SAM global bedeutet: Wie können wir diesen Leuten heute am besten dienen? Wie können wir wirklich auf aktuelle Bedürfnisse eingehen? Was gestern gut war, muss heute nicht mehr passen. Ausserdem haben wir natürlich aus vielen Fehlern gelernt.

Zudem hat sich auch die Situation in der Schweiz verändert, die heutigen Generationen denken und handeln anders. Zum Beispiel gingen Kinder früher häufig in ein Internat, um eine gute Schulbildung zu bekommen, da es sonst keine Möglichkeiten für sie gab. Heute wird nach Lösungen gesucht, die es möglich machen, dass die Familien an einem Ort zusammenbleiben – beispielsweise mit Fernschulmaterial oder mit internationalen Schulen in der Nähe. Während früher ohne Ende gearbeitet wurde, wird heute viel mehr Wert auf eine gute Work-Life-Balance gelegt. Vor 30 Jahren war man praktisch «weg vom Fenster», sobald man im Einsatzland war – vielleicht war man alle zwei bis drei Monate per Brief mit der Heimat in Kontakt. Jetzt ist man über die digitalen Medien ständig vernetzt, unabhängig davon, wo man ist. Heute hatte jeder schon einmal Kontakt mit Personen aus anderen Kulturen, kulturelle Sensibilität ist auch in Europa ein Thema – als ich vor 27 Jahren das erste Mal in Schwarzafrika war, war das noch ganz anders. Beide Generationen haben Stärken und Schwächen – und anstatt den alten Generationen nachzutrauern, möchten wir unbedingt die Stärken der heutigen Generationen sehen und nutzen.


Weshalb wird heute nicht mehr von Mission gesprochen, sondern nur noch von interkultureller Arbeit?

Der Begriff Mission ist häufig negativ behaftet und wird mit dem unrühmlichen Kapitel der Kreuzzüge assoziiert – und wir wollen damit auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden. Wir möchten den Leuten vor Ort auf keinen Fall etwas überstülpen oder einfach ihre Kultur zerstören.

Es sind in der Vergangenheit in der interkulturellen Arbeit Fehler passiert, auch bei SAM global, aber im Grossen und Ganzen können wir trotzdem sagen: wir konnten in vielen Ländern einen wesentlichen Beitrag leisten und etwas verändern! Zum Beispiel in der Gesundheitsversorgung: In Angola und in der Waldregion Guineas konnte durch unsere Arbeit Lepra praktisch ausgerottet werden. AIDS-Kranke in der Waldregion Guineas erhielten zum ersten Mal eine Behandlung und in Angola und Guinea konnten hunderte von Blinden nach Augenoperationen wieder sehen. Wir konnten wirklich nachhaltig einen Unterschied machen. Auch in der Theologie konnten wir die Leute dazu bewegen, sich zu überlegen: Was bedeuten die verschiedenen biblischen Aussagen für unsere Kultur, wie können wir das übersetzen? Auch in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Bildung oder der Landwirtschaft, konnte echte Veränderung bewirkt werden.


Wie versteht SAM global denn Gottes Auftrag, den Missionsbefehl heute?

Heute ist sehr wichtig, genau hinzusehen, wie die aktuelle humanitäre und geistliche Situation aussieht. Wo sind noch echte Bedürfnisse? Wo sind vertrauenswürde Partner? Die Sustainable Develeopement Goals, die nachhaltigen Entwicklungsziele, sind ebenfalls wichtig, um zu entscheiden, wo wir uns noch investieren sollen. Wo und wie braucht es uns, wo können wir einen Beitrag leisten?

Was damals wie heute gleich ist: Wir möchten den Leuten zeigen, dass jemand sie liebt – auf praktische Art auf Weise. Wir möchten ihnen eine Hoffnung und eine Perspektive für ihr Leben hier geben, aber auch darüber hinaus.

Ehrenkodex_farb_CMYK.png

SAM global

 

SCHWEIZ
Wolfensbergstrasse 47
CH-8400 Winterthur

 

T +41 52 269 04 69

winterthur@sam-global.org

 

PC-Konto: 84-1706-5

IBAN: CH58 0900 0000 8400 1706 5

SAM global

 

SCHWEIZ – ROMANDIE
Impasse de Grangery 1
CH-1673 Ecublens/FR

 

T +41 76 565 81 20

ecublens@sam-global.org

 

PC-Konto: 84-1706-5

IBAN: CH58 0900 0000 8400 1706 5

© 2016 by luis erharter SAM global inhouse design

S I T E M A P

UNSERE ARBEIT    /   LÄNDER UND PROJEKTE    /    EINSÄTZE    /   SPENDEN   /    HELFEN SIE MIT    /    ÜBER UNS    /    NEWS & MEDIA    /     KONTAKT

VISION

WERTE

TEAM

VORSTAND

PARTNER

FINANZEN

FAQ