Wenn «anders» plötzlich «normal» ist

Rundmail von Naemi, Langzeitmitarbeiterin in ActionVIVRE Nord, Guinea:


Liebe Freunde und Familie,

Wahrscheinlich habt ihr es gar nicht bemerkt: Ich bin das erste Mal verspätet mit meinem Rundmail. Ja, es war immer viel los, aber das Hauptproblem war, dass ich schlicht und einfach keine Idee hatte, was ich schreiben soll. Vielleicht liegt es am Alter. (Ich kürzlich meinen 30. Geburtstag gefeiert.) Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass inzwischen vieles so normal geworden ist.


Wenn «anders» plötzlich «normal» ist Da wären zum Beispiel meine etwas anderen Haushaltsaufgaben, die selbstverständlich geworden sind: auf’s Dach klettern, um die Solarpannels zu putzen, Wasser pumpen und Wasserkessel schleppen, Abfall auf dem Feuer verbrennen, die Wäsche von Hand waschen, jeden Morgen den Vorhof wischen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich mit meiner weissen Hautfarbe überall auffalle. Ich werde auf der Strasse gerufen und es wird beobachtet und zum Teil kommentiert, was ich mache. Und ich erwarte bereits, dass ich an Fester einen Ehrenplatz erhalte. Ich habe gelernt spontan zu handeln und zu denken. Ich plane nicht weit voraus und es macht mir nicht mehr viel aus, nicht zu wissen, wie der Tag genau verlaufen wird. Kommt die Freundin mit der ich zum Tee abgemacht habe wirklich um 17 Uhr, später oder gar nicht? Wir werden es sehen. Fängt die Chorprobe heute pünktlich an oder kommen alle über eine Stunde zu spät? Wir werden es sehen. Findet die Hochzeit wirklich in drei Tagen statt? Wir werden es sehen, wenn es soweit ist. Und wenn es ganz anders kommt, ist es auch nicht so schlimm.

Der Kindergarten ist manchmal laut und chaotisch und oft improvisiert. Unterrichten mit sehr wenig Material gehört zum Alltag und auch auf die freiwilligen Mitarbeiter kann man nicht immer zählen. Es erstaunt mich nicht mehr, wenn die Freiwilligen selber kein Puzzle zusammensetzen können oder nicht richtig schreiben oder lesen können – im Gegenteil bin ich erstaunt, wenn sie es können. Es wundert mich auch nicht, wenn die Kinder noch nie einen Stift geschweige denn eine Schere in den Händen gehalten haben.


Es ist inzwischen normal, dass ich vieles verstehe, wenn die Leute Pular sprechen. Auch in der Sprache Diakanké, die in unseren Dorfkindergärten gesprochen wird, kann ich mich etwas orientieren und einzelne Wörter verstehen. Aufgefallen ist mir dies, als wir letztens als Team im Senegal waren, wo die Leute Wolof sprechen und ich überrascht war, dass es sich wie «blablabla» anhörte. Es wundert mich nicht mehr, dass die Frauen hier einen anderen Schambereich haben. Wenn ich eine Frau bei sich zu Hause «oben ohne» antreffe oder eine Freundin bei mir zu Hause ohne zu zögern das T-Shirt auszieht, weil es heiss ist, überrascht mich das nicht mehr. Sehe ich dagegen eine Frau in einem Mini-Jupe oder kurzen Hosen, zum Beispiel Touristinnen im Senegal, bin ich kurz irritiert, wenn nicht sogar etwas geschockt.

Dass im Gottesdienst freudig getanzt und gesunden wird, ist für mich ein gewohntes Bild geworden. Dass alle zur gleichen Zeit laut und durcheinander beten anstatt einer nach dem anderen, stört mich inzwischen auch nicht mehr. Dies nur einige Beispiele dafür, wie man sich an eine andere Kultur gewöhnen und anpassen kann, ohne es sich wirklich bewusst zu sein.

Wenn «anders» Fragen und Zweifel aufwirft Es gibt aber auch Dinge, an die ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen kann, die aber leider auch zum guineischen Leben gehören. Zum Beispiel wenn ein Kindergartenmädchen nach 2 Wochen Krankheit stirbt, im Wissen, dass es wahrscheinlich in der Schweiz nicht hätte sterben müssen. Oder wenn man erlebt, wie eine Freundin in fortgeschrittener Schwangerschaft Zwillinge tot zur Welt bringen muss. Dies sind zwei krasse Beispiele, die ich in den letzten Monaten erlebt habe und die mich sehr herausfordern. Ich bin froh, kann ich mich in solchen Momenten immer wieder an Gott wenden, der mir Trost, Hoffnung und neuen Mut schenkt.


Liebe Grüsse

Naemi

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