Guinea: Was bedeutet das Coronavirus für ein afrikanisches Land? Medizinstudentin Corina erzählt...

Aktualisiert: Apr 15

Angst vs. Solidarität Im Roman «Der Wal und das Ende der Welt» beschreibt der Autor J. Ironmonger eine Situation, die die Welt, wie die Menschen sie bisher kannten, auf den Kopf stellt. Eine schwerwiegende Veränderung wie eine Pandemie könne sich in zwei Richtungen entwickeln: Entweder steht die Angst bei den Menschen im Vordergrund, Egoismus und Feindseligkeit verbreiten sich, die Welt stürzt immer tiefer in den Abgrund. Oder aber die Menschen gehen der Angst nicht nach, bleiben im Vertrauen und beginnen, einen Sinn für Gemeinschaft und Zusammenhalt zu entwickeln. Dieses Gemeinschaftsgefühl und die daraus resultierenden Handlungen würden dazu führen, dass die Welt nicht zusammenbricht und sogar mehr erstrahlt als je zuvor. _________________________________________________________________________________________ Meine erste Begegnung mit dem Kontinent Afrika und wie es dazu kam Im Mai 2019 hatte ich im Rahmen der Dissertation für mein Medizinstudium die Möglichkeit, nach Westafrika ins «CHRS» (Centre Hospitalier Régional Spécialisé) zu gehen. Das CHRS ist ein kleines Spital in der Waldregion von Guinea, genauer in Macenta. Dort machte ich elastografische Leber-Untersuchungen bei Hepatitis B Patient/-innen und sammelte entsprechende Daten mit dem Ziel, auf die oft noch sehr jungen, aber bereits schwer leberkranken Patient/-innen, aufmerksam zu machen und ihnen und allen zukünftigen Hepatitis-Patient/-innen eines Tages vielleicht so eine Behandlung zu ermöglichen. Das CHRS ist auf Tuberkulose, HIV/AIDS und Lepra sowie andere chronische Erkrankungen spezialisiert. Es werden aber auch einfache Wund-Operationen durchgeführt, ein Prothesen- und Orthesendienst, sowie eine Physiotherapie werden ebenfalls angeboten. Während meiner Zeit vor Ort hielten fünf guineische Ärzt/-innen und ein spezialisierter Pfleger offene Sprechstunden. Da jedoch die Nachfrage nach medizinischer Versorgung im CHRS sehr hoch ist, kam es häufig vor, dass Patient-/innen – teilweise mit schweren Gebrechen– einen ganzen Tag vor den Konsultationsräumen warteten – manchmal wurden mehrere Patienten gleichzeitig von einem Arzt betreut und nicht selten kamen sie von sehr, sehr weit her. Was mir am Zusammenleben der Bevölkerung von Macenta aufgefallen ist, ist der starke Zusammenhalt der Familien mit Freunden und Nachbarn: Fast das ganze Dorf betet, lacht, tanzt und singt zusammen in der Kirche oder draussen, arbeitet auf den Feldern oder trifft sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten. Gekocht werden meistens einfache Speisen wie Reis oder Gemüse, oft von wenigen Frauen für viele Personen zubereitet. Gegessen wird (da weder Teller noch Besteck verfügbar sind) mit den Händen, meist von jung bis alt, aus demselben Topf. Stets sind alle nahe beieinander. So leben in einer kleinen Hütte oft mehrere Personen eng zusammen. Leider ermöglicht genau diese physische Nähe, dass sich Infektionskrankheiten leichter verbreiten können.

Guinea - ein Land, das schon einmal durch eine Infektionskrankheit stark geprägt wurde Es ist noch nicht lange her, dass das Land von Ebola besonders stark betroffen war. Wie stark sich die damalige Epidemie auf Land und Leute ausgewirkt haben muss – während ich gleichzeitig in der Schweiz kaum etwas davon mitbekommen habe – schockierte mich immer wieder. Einmal sprach ich in meiner Sprache mit jemandem über «Ebola», als ein Kind neben mir richtig zusammenzuckte und mich mit verschreckten grossen Augen darauf hinwies, dass es Unglück bringe, dieses Wort auszusprechen. Vereinzelt sah man noch zerfallene Plastikzelte und zerlöcherte Schutzkleidung am Wegrand liegen. Das Land und die Leute sind hinsichtlich Ebola stark geprägt. Das CHRS liegt mitten im Gebiet, wo die grosse westafrikanische Ebola-Epidemie 2014 ihren Anfang nahm. Der damalige Laborleiter des Spitals war selber einer der ersten infizierten Patienten, er ist schliesslich innert weniger Tage daran verstorben. Und jetzt steht bereits die nächste Infektionskrankheit an: COVID-19, welche durch das Virus SARS-Coronavirus-2 ausgelöst wird und nach heutigem Wissenstand über infizierte Tröpfchen (direkt via Sprechen / Husten / Niesen oder indirekt via Hände und kontaminierte Gegenstände) übertragen wird. Was bedeutet dieses Virus für ein Land wie Guinea? Die Richtlinien des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit (BAG) bezüglich Hygiene und Schutzmassnahmen, um die Virus-Ausbreitung zu verringern, sind im guineischen Umfeld kaum umsetzbar und bedürften einer weiträumigen Aufklärungsarbeit. Die Leute sind zwar durch die vorgängige Ebola-Krise in gewisser Hinsicht auf Schutz- und Hygienemassnahmen (Seifen-, Essbesteckgebrauch) sensibilisiert, trotzdem sind vermeintlich einfache Dinge wie (regelmässiges) Händewaschen an einem Ort, wo es kein fliessendes Wasser gibt und man mit einem Kessel das Grundwasser für das gesamte Dorf aus einem kleinen Brunnen holt, schwierig, wenn gar unmöglich umzusetzen. Oft ist schützendes Inventar wie Essensbesteck, Spül- oder Desinfektionsmittel schlicht nicht vorhanden. Die Abstandsregel des BAG würde ebenfalls aus mehreren Gründen auf Einhaltungsschwierigkeiten in Guinea stossen: Durch die vielen Personen im gleichen Haushalt auf kleinstem Raum kann der erforderliche Abstand nicht eingehalten werden, ebenso wenig können infizierte Personen isoliert oder für einen schweren Verlauf besonders gefährdete Personen geschützt werden. Ein zentraler Aspekt ist auch der tägliche Marktbesuch, um Essen zu kaufen, bzw. um Geschäfte zu machen. Die Leute können es sich nicht leisten, Vorräte zu kaufen, sie sind täglich auf Geldeinnahmequellen angewiesen. Obwohl es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und die Leute zu wenig Geld haben, um freizeithalber zu reisen, sind die Menschen doch lokal viel unterwegs, um die engen Beziehungen zu Freunden und Clan-/Familienangehörigen (auch in entfernten Nachbardörfern) zu pflegen. Sie legen dafür oft mehrere Kilometer zu Fuss, mit dem Velo oder für wenige guineische Francs mit dem «Taximoto» zurück. Hinzu kommt, dass oft mehrere Leute gleichzeitig auf den wenigen, verfügbaren Verkehrsmitteln unterwegs sind und die Übertragungschancen so ebenfalls erhöht werden. Von diesen Herausforderungen in der Gesellschaft einmal abgesehen, stehen praktisch keine Mittel und Ressourcen zur Verfügung, um die Ausbreitung in den Spitälern einzudämmen, das Gesundheitspersonal zu schützen, geschweige denn, Medikamente oder gar Beatmungen überhaupt zu ermöglichen. Besonders Leute mit geschwächtem Immunsystem wie unbehandelte HIV-Patienten oder Tuberkulosepatienten zählen zu den besonders gefährdeten Gruppen, was beides Beispiele für Erkrankungen sind, die in Westafrika und besonders im darauf spezialisierten CHRS hohe Prävalenzen aufweisen. Viele Kinder und auch Erwachsene sind chronisch unterernährt und verfügen alleine schon aus diesem Grund nicht über die gleichen Abwehrkräfte wie normal ernährte und gesunde Personen. Gerade auf Personen in ärmeren Gegenden mit schlechtem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen oder Medikamenten hat COVID-19 immense Auswirkungen. Dies gilt nicht nur für den medizinischen Bereich – auch Hungersnöte und gesellschaftliche Spannungen können sich zuspitzen, weshalb diese Menschen jetzt noch stärker auf die Unterstützung angewiesen sind.

Was wir gemeinsam tun können Wenn ihr Menschen in Guinea, bzw. Spitäler wie das CHRS oder ähnliche Projekte im Kampf gegen COVID-19 unterstützen möchtet, benutzt bitte folgenden Link: https://www.sam-global.org/corona Dort findet ihr auch Infos dazu, wofür eure Spenden zur Bekämpfung von COVID-19 verwendet werden können. Vielen Dank! Corina H., Medizinstudentin und ehemalige Einsatzleistende in Macenta, Guinea

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