Und dann kam Boko Haram ...

Mit den Attentaten in und rund um Kamerun veränderte sich die Sicherheitssituation 2014 plötzlich drastisch. Einige unserer Langzeitmitarbeitenden mussten sich damals diesen Veränderungen beugen – und teilweise schmerzhafte Entscheidungen treffen. Im Focus von 2015 berichteten sie davon:


Schritte in eine andere Richtung M., eine Stadt im Norden Kameruns, war unsere erste Heimat in Afrika. Dort haben wir viele erste kulturelle Erfahrungen gemacht und tiefe Freundschaften geschlossen. Wir fühlten uns so richtig zu Hause. Nach zwei Jahren zogen wir vorübergehend in eine andere Stadt, weil wir dort eine Vertretung übernahmen. Wir rechneten aber damit, bald nach M. zurückkehren zu können.

Boko Haram kommt näher Zu diesem Zeitpunkt kam die Gefahr durch Boko Haram plötzlich näher – Entführungen, Anschläge und Überfälle häuften sich. Und so stand auf einmal fest, dass wir nicht mehr nach M. zurückkehren konnten. Es fiel uns nicht leicht, loszulassen und unsere Vision und viele liebe Menschen dem Unbekannten zu überlassen. In der neuen Stadt erlebten wir durch die Attentate eine turbulente Zeit. Das Thema bestimmte unseren Alltag. Ich musste lernen, mit Ängsten und Albträumen umzugehen. Eine Entführung von uns wurde immer wahrscheinlicher – für mich lag die Wahrscheinlichkeit bei 50/50, dass wir die Nächsten sein würden. So waren wir enorm dankbar, als wir als Familie dann unversehrt die Grenze zum Tschad überquerten, um uns dort einem Team anzuschliessen. Gleichzeitig plagten uns auch Sorgen: Was, wenn dieselben Probleme, die wir in Kamerun hatten, bald auch diese Grenze überqueren würden? Lohnt es sich überhaupt, hier ganz neu anzufangen?


Gemischte Gefühle Zuerst zogen wir für ein halbes Jahr in den Osten des Tschads, um unser Arabisch aufzufrischen. Für mich war es eine schwierige Zeit: Wir kannten niemanden und mussten ganz vorne damit beginnen, Leute kennenzulernen und Beziehungen zu knüpfen. Ausserdem war ich schwanger, wodurch die enorme Hitze eine grosse Belastung war. So freuten wir uns auf eine Pause in der Schweiz nach diesem halben Jahr. Die Vorbereitungen für die Wiederausreise in den Tschad nach dieser Pause waren mit gemischten Gefühlen verbunden, aber wir freuten uns aufs Team und hofften, im Projekt bald so richtig durchstarten zu können.

Gottes Gedanken sind höher Kurz vor dem Tag des geplanten Abflugs, die Koffer waren schon fertig gepackt, hörten wir vom zweiten Attentat durch Boko Haram innerhalb von wenigen Wochen. Und das ausgerechnet in der Stadt, in der wir leben und arbeiten wollten. So entschieden wir uns schweren Herzens, nicht mehr auszureisen. Die Unsicherheit, die wir in am Schluss in Kamerun erlebt hatten, hatte mich enorm belastet, und auch bei unseren kleinen Kindern hatten die letzten Jahre Spuren hinterlassen. Zudem hätten wir uns auf eine neue Arbeit und ganz neue Beziehungen einlassen müssen, ohne zu wissen, ob wir vielleicht bald wieder alles abbrechen und in die Schweiz zurückkehren müssten. Die Ungewissheit und das hohe Risiko waren zu viel für uns. Die Entscheidung fiel uns alles andere als leicht und wir haben viele offene und ungelöste Fragen. Aber Gottes Gedanken sind höher als unsere Gedanken. Wir vertrauen Jesus und machen weiter Schritte mit ihm in eine andere Richtung.

S. war mit ihrer Familie in Kamerun



Gott hält einen neuen Weg bereit M., März 2013: Nach der überraschenden Entführung einer französischen Touristenfamilie in der Nähe war klar, dass wir die Nächsten sein könnten. Wir schliefen plötzlich unruhig, die sonst vertrauten Geräusche in der Nacht weckten uns auf. Wir mussten weg. Eine Woche hatten wir Zeit, um die wichtigsten Angelegenheiten zu klären, dann reisten wir in die Schweiz.


Reisen nur mit Begleitschutz Einige Monate später konnten wir nach Kamerun zurückkehren. Wir gingen in die Hauptstadt der Region rund 250 Kilometer südlich von M., da dort unsere Unterstützung dringend benötigt wurde. Obwohl ich viele spannende und sinnvolle Aufgaben übernehmen durfte, schlug mein Herz nach wie vor für M. Das war mein Zuhause, dort hatte ich meine Beziehungen, und ich hoffte, bald zurückkehren zu können. Immer wieder hörte ich in dieser Zeit von den schrecklichen Dingen, die im Nachbarland oder in den Grenzregionen passierten. Das Thema Christenverfolgung war allgegenwärtig. Auf Reisen hatten wir jeweils Begleitschutz, was zuerst ungewohnt, aber auch beruhigend war. Wir fühlten uns ernst genommen und von den Behörden wertgeschätzt.

Muslime und Christen leben engagierter Im Laufe des Jahres verschärfte sich die Situation zusehends. Im November fand eine Entführung nur wenige Kilometer von uns entfernt statt. Die Gefahr rückte immer näher und die Aktivitäten der Extremisten prägten die Gespräche des Alltags. Das Ganze hatte sichtbare und spürbare Auswirkungen: Die Muslime praktizierten ihren Glauben engagierter - Freitagsgebet in der Moschee, Frauen besuchten den Unterricht in den Moscheen, der Fastenmonat wurde strikt eingehalten. Eine der Triebfedern dafür war Angst: Vielleicht war ja der Nachbar ein Anhänger der Extremisten und beobachtete das Verhalten ...? Gleichzeitig bemerkten wir bei Muslimen ein grosses Interesse am christlichen Glauben. Wir durften auch feststellen, dass die Christen in Kamerun durch die Bedrohung ihren Glauben nun viel ernsthafter und engagierter lebten.


Tausende auf der Flucht

Unser Alltag war indes zunehmend von Unsicherheit geprägt: Inwieweit sind auch wir hier in dieser Stadt gefährdet? Wie lange können wir noch bleiben? Im Sommer 2014 war es dann so weit - wir wurden endgültig evakuiert. Nach den Geschehnissen der vorhergehenden Monate war ich darauf vorbereitet, aber es war und ist schmerzhaft zu wissen, dass ich nicht mehr zurück kann und es nie mehr so sein wird, wie es war. Andere hat es aber viel schlimmer getroffen: Tausende Kameruner und Nigerianer mussten flüchten, ihre Region verlassen und sich in anderen Gebieten oder Flüchtlingslagern niederlassen. Viele haben alles verloren, auch Angehörige.


Wie weiter?

Als ich nach der Evakuation in die Schweiz kam, wurde mir eine Stelle als Hebamme im Tschad angeboten. Eigentlich wollte ich nicht wieder ausreisen und hatte kein volles Ja dazu.

Bei einem Kurs an der Akademie für Weltmission wurde mir dann klar, dass das doch der Weg war, den Gott für mich bereithielt und den ich gehen sollte. Ich hatte Frieden über der Entscheidung, konnte mich aber nicht so richtig freuen. Trotzdem bin ich ausgereist und habe mir damals ein Jahr Zeit gegeben, um mich einzuarbeiten und einzuleben. Dieses ist jetzt fast um - und ich beginne langsam, mich hier zu Hause zu fühlen. Trotzdem fehlen mir das Leben auf dem Land und die Beziehungen zur einfachen Bevölkerung.

Nach wie vor kann ich aber in Kontakt stehen mit Verantwortlichen der Kirche und weiteren Freunden in Kamerun. Und es freut mich, dass die Arbeit auch ohne unsere Anwesenheit gut weitergeht.


Helen, Mitarbeiterin im Tschad



Neue Stabilität nach dem Sturm Grosse Veränderungen prägten unser Jahr 2014. Als wir nach einem Aufenthalt in der Schweiz Ende April wieder nach Nordkamerun zurückkehrten, hatten wir bereits einen Traum begraben: Es würde aufgrund der Entführungen von Europäern in der Nähe keine neuen Mitarbeitenden oder Projekte geben. Wir selbst fühlten uns nicht in Gefahr, planten aber trotzdem, die Arbeit innerhalb von sechs Monaten Schritt für Schritt an Kameruner zu übergeben. Drei Wochen nach unserer Ankunft folgte dann überraschend der Evakuations-Entscheid – «Nein, sicher nicht!», war unsere entsetzte Reaktion. Wir sträubten uns dagegen, nach so kurzer Zeit fluchtartig wieder abzureisen, und waren enttäuscht, traurig und verwirrt. Warum hatte uns Gott so klar gezeigt, dass wir nochmals ausreisen sollten?


Loslass-Prozess starten Durch eine Kompromisslösung konnten wir weitere drei Wochen bleiben. Das war eine grosse Hilfe, denn so konnten wir eine akzeptable Dienstübergabe gewährleisten und hatten zumindest ein klein wenig die Möglichkeit, Abschied zu nehmen und den Loslass-Prozess zu starten. Trotz der Hektik und dem emotionalen Stress war die Rückkehr gut und richtig gewesen. Die Einheimischen fühlten sich auf diese Weise von uns geliebt und weniger im Stich gelassen.


Wohin nun? Da nicht sicher war, wie sich die Lage in Kamerun entwickeln würde, hatten wir gemeinsam mit SAM global schon einige Monate vor der Evakuierung einen Plan B für uns gesucht: die Handwerkerschule in Sri Lanka. Mit diesem Gedanken hatten wir uns bereits angefreundet – und waren enttäuscht, als das Vorhaben an Visa-Problemen scheiterte. Daraufhin erhielten wir das Angebot, im Süden von Kamerun, zu arbeiten. Dieser Anfrage standen wir zuerst sehr kritisch gegenüber. Es fiel uns schwer, uns innerlich erneut auf einen Wechsel einzustellen. Wir würden zwar nach Kamerun zurückgehen, aber nicht in den Norden, wo wir uns auskannten, wo uns fast jeder kannte und wo wir praktisch täglich bei Nachbarn zu Besuch waren – sondern in den uns noch fremden Süden und in eine anonyme, lärmige, unübersichtliche Grossstadt mit 2.5 Millionen Einwohnern auf der Fläche des Kantons Thurgau. Sollten wir uns wirklich darauf einlassen? Gottes Handschrift Je mehr wir das Anliegen prüften, desto mehr fingen wir an, die Handschrift Gottes darin zu sehen. Er hatte uns in den letzten Monaten auf diesen Einsatz vorbereitet – und so liessen wir uns darauf ein. Die Veränderung ist nicht leicht. Wir stellen immer wieder fest, dass unser Leben hier in Kamerun nie mehr so sein wird, wie es einmal war, selbst wenn irgendwann ein Besuch in Nordkamerun möglich sein sollte. Aber wir sehen auch Positives: Wir sind jetzt, ohne Schweizer Team, näher an den Einheimischen dran. Und wir dürfen Verantwortung tragen für ganz neue Aufgaben: Mein Mann darf die wertvolle und herausfordernde Erfahrung einer Bauleitung für einen Kirchenbau machen und Gott hat ihn befähigt, im kleinen Rahmen auf Französisch zu predigen.


Gestärktes Gottvertrauen Zudem haben wir noch viel stärker gelernt, Gott zu vertrauen, dass er uns zur rechten Zeit an den richtigen Ort bringt. Er ist mit uns unterwegs – und wir sind mehr als zuvor bereit, unsere Wege und Pläne von ihm zeichnen zu lassen und nicht von uns oder jemand anderem. Die Zeit hat uns geformt, geläutert, unseren Horizont erweitert, uns demütiger und barmherziger gemacht. Es war ein Sturm, der in den letzten Monaten über uns als Familie hinweggezogen ist, und nach jedem Sturm muss man Schäden aufräumen. Dafür ist nachher einiges erneuert, renoviert und man schätzt die Ruhe und die neu gefundene Stabilität im neuen Zuhause umso mehr.


Rahel war mit ihrer Familie in Kamerun

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