Ferienwoche im Busch – Ein Tag im Leben einer typischen Familie...

...im November, müsste man noch anfügen. Die Tätigkeiten sind bei den Bauern saisonabhängig und ich beziehe mich auf meine Eindrücke von meiner «Ferienwoche im Busch» anfangs Monat. Bei Sonnenaufgang steht man auf. Die Frau (oder Frauen, Polygamie ist keine Seltenheit) wischt Haus und Hof, während sich der Mann zur Arbeit auf dem Feld aufmacht, sofern es nicht gerade heftig regnet. Starken Regen wartet man ab, er geht meistens rasch vorüber, ausserdem geht es mit dem Regen sowieso dem Ende zu. Bald ist Trockenzeit für einige Monate und man ist froh um jeden Regentropfen, der jetzt noch vom Himmel fällt. Auf den Feldern arbeiten sowohl Männer als auch Frauen und auch die Kinder helfen mit. Manchmal gibt es ein Frühstück schon vor der Feldarbeit, manchmal erst auf den Feldern, die zu Fuss in etwa 20 Minuten erreichbar sind. Gegessen wird hauptsächlich - ich wiederhole mich mal wieder - Reis mit Sosse(n), zu unterschiedlichen Zeiten. Hauptsächlich will heissen: Einmal gab es ausnahmsweise nicht Reis mit Sosse, sondern gezuckerten Limetten-Reis. Aber man braucht kein Mitleid zu haben, es hat mir immer geschmeckt.


Zurzeit werden Reis und Erdnüssli geerntet, von morgens bis abends und manche verbringen sogar noch die Nacht auf den Feldern und geben Acht, dass nichts geklaut wird. Ich darf jeweils selbst mit anpacken, aber muss mich auch immer wieder hinlegen und ausruhen, weil es die Höflichkeit so will. Der Porto ist schliesslich ein Gast, auch wenn er gerne mehr mitarbeiten würde. Nach einem intensiven Arbeitstag (bei mir jeweils Arbeitshalbtag) mit wenigen Pausen, wird die Ernte in Säcke abgefüllt und auf dem Kopf zurück ins Dorf balanciert, ohne Hände. Ich hab’s auch mal probiert, bin aber kläglich gescheitert. Die Erdnüssli werden zum Trocknen auf dem Boden ausgelegt und der Reis wird oft vorgekocht und wieder getrocknet, damit er sich nachher leichter schälen lässt. Geschält wird er durch Stampfen mithilfe eines überdimensionalen Mörsers in einer Art hölzerner Eimer. Weitere Tätigkeiten, die tagsüber verrichtet werden: Reis kochen, Sosse zubereiten, Holz hacken (mit langem Messer), Kleider waschen. Ich wasche mich und meine Kleider jeweils am Nachmittag in einem Bach in der Nähe des Dorfes. Dort bin ich stets mit meinen Buddies - Kindern, von denen eines, Amirou, ein bisschen Französisch kann und sozusagen mein Dolmetscher ist, da die allermeisten hier nicht mehr als «Bonjour» oder vielleicht noch «Ça va?» zustande kriegen. Ich will mich aber nicht brüsten, mein Französisch ist nicht viel besser. Amirou ist der Sohn von Mamadou, dem Nachbarn von Toggis, der mich auf seinem Töff hierher gebracht hat.




Für die Zeit meines Aufenthaltes wohne ich im Dorf von Mamadous Schwiegermutter (Mutter der ersten Frau), also Amirous Grossmutter. Ihr Enkel hilft vor allem bei der Erdnussernte mit, da sie selbst gelähmt ist und die meiste Zeit vor dem Bett in der Hütte oder gleich davor unter dem Dach sitzend verbringt. Sie tut mir Leid, umso mehr, da sie eine sehr liebenswürdige und überaus gastfreundliche Frau ist. Ich komme praktisch nicht am Haus vorbei, ohne zum Essen eingeladen zu werden. Nicht, weil sie Essen im Überfluss hätte, sondern weil um jeden Preis verhindert werden muss, dass der Gast Hunger kriegt. So kriege ich eher zu viel als zu wenig, aber ich schlage nie ein Essen aus, das wäre unhöflich.


Also, zurück zum Tagesablauf: Nach dem Waschen der Kleider und meiner Wenigkeit, gehe ich zurück ins Dorf, um die Kleider irgendwo über einen Zaun zu hängen und Reis mit Sosse zu essen. Es dunkelt rasch ein. Zeit für Ataya, Musik vom Handy, lange Gespräche oder, in meinem Fall, langes Schweigen im Licht der tagsüber geladenen Solartaschenlampen. Ich könnte den Tag hier beenden, aber folgendes Erlebnis möchte ich dir nicht vorenthalten: Wenn es nicht regnet, wird der Generator laufen gelassen und der stolze Besitzer dieses technischen Wunderwerks steckt gegen ein kleines Entgelt in Form eines 500er-Nötchens Handys in ein Gewirr aus Steckleisten ein und lässt parallel dazu über einen Fernseher zwei etwa einstündige Beziehungsdramen auf Pular flimmern – das perfekte Abendprogramm für das anwesende Publikum: Kinder, stillende Mütter und ein Porto, der sich vorkommt wie im falschen Film und auf die Zähne beissen muss, um bei der miesen Tonqualität, den unbequemen Bambusrohrbänkchen und dem Anblick völlig unmotivierter Schauspieler nicht fluchtartig den Raum zu verlassen. Ausserdem verstehe ich kein Wort. Ich zwinge mich aber, bis zum bitteren Ende drin zu bleiben, weil ich einfach wissen will, wie so ein Abend abläuft. Es wird mir mit dem wohl schlechtesten Film aller Zeiten gedankt. Als schliesslich eine der Hauptfiguren auf relativ geschmacklose Weise hingerichtet wird, bin ich wirklich drauf und dran, das Handtuch zu werfen. Offenbar wollte die «Ex» des Hingerichteten ihm eine Lektion erteilen und heuerte deshalb jemanden an, um diesen Job für sie auszuführen. Mit einem Sack über dem Kopf wurde der «Übeltäter» abgeführt, dann zusammengeschlagen, gekickt und fast erwürgt. Da es so schlecht inszeniert war, war ich dennoch versucht zu lachen, verkniff es mir aber. Dann holte der Peiniger aus irgendeinem mir unbekannten Grund einen anderen Typen, der den Hilflosen mit einem langen Messer töten wollte, als die Frau plötzlich mit Sorgenfalten im Gesicht intervenierte. So zog er halt die Pistole (sichtbar aus Plastik!) und erschoss den Zusammengeschlagenen. Schliesslich nahm er ihm den Sack vom Kopf und erkannte seinen Kollegen wieder, worauf der Mörder in ein Wehklagen ausbrach. Die Moral der Geschichte? Töte keine Männer mit Sack über dem Kopf, wenn du nicht weisst, wer darunter steckt? Überhaupt kam mir dieses Ende schräg rein, denn die 50 vorangegangenen Minuten waren eine mehr oder weniger lustige «Pass-auf-dass-er/sie-dich-hier-nicht-sieht»-Komödie mit vielen Gesprächen und eigentlich war sonst überhaupt nichts los. Nach fast zweistündigem Ausharren wird noch ein Film mit Jet Li gezeigt, ein Western, Indianer gegen Cowboys und dazwischen noch ein paar Chinesen. Diesmal ein westlicher Film mit richtigen Schauspielern auf Französisch, aber immer noch so schlecht, dass ich ihm ohne mit der Wimper zu zucken die goldene Himbeere verliehen hätte. Da die wenigsten Französisch verstehen, werden eigentlich nur die Actionszenen gezeigt. Um dem Grauen eine Ende zu bereiten, werfe ich nun doch das Handtuch und verabschiede mich von Amirou mit der Begründung, ich sei müde und ginge jetzt ins Bett. Das stimmt ja auch.


Robert, Kurzzeiter im ActionVIVRE Süd, Guinea

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