Guinea: Die Krankheit der Europäer

Seit Ende März verbreitet sich das Coronavirus nach und nach auch auf dem afrikanischen Kontinent. Christina, Kurzzeiterin im ProESPOIR in Guinea, berichtet, wie sie diese Zeit erlebt:

«Die Krankheit der Europäer» – so oder so ähnlich wird Corona hier genannt. «Uns kann das nicht treffen.» «Wir werden nicht krank.» Das waren die ersten Aussagen, als Corona-Nachrichten hier ankamen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, sind die Reaktionen sehr ähnlich wie zu Beginn in vielen anderen Ländern, auch in Europa.

Es ist Mitte April 2020 in Macenta, Guinea. Wir befinden uns noch ganz am Anfang der Pandemie. Auch wir als Team vom ProESPOIR haben uns erst einmal mit dem Virus, den Gegebenheiten in Europa, den Vorkehrungen und Auswirkungen auseinandersetzen müssen – und machen dies jeden Tag aufs Neue.


All das, was in Europa schon seit längerem umgesetzt wird – Ausgehverbot, Ausgangsbeschränkungen, Ladenschliessungen, Gruppenvermeidung – gilt nun auch hier. Theoretisch. Denn ist so etwas in einem Land wie Guinea überhaupt möglich? Kann man hier ohne Internet und ohne Strom Homeoffice machen? Wie überlebt man ohne Einkommen, ohne Reserven und ohne staatliche Unterstützung? Kann man bei Familien von teilweise mehr als 40 Personen im gleichen Hof überhaupt Social Distancing einhalten? Wie kann man die Kinder von anderen Personen fernhalten? Und bringt die nun angeordnete Maskenpflicht überhaupt etwas und müsste man die unangenehmen Masken hier nicht sogar rund um die Uhr tragen?

Das Leben spielt sich in Afrika auf der Strasse ab. Das oft viel zu kleine Haus wird meist nur zum Schlafen genutzt. Gekocht und gegessen wird draussen und auch das «Badezimmer» befindet sich ausserhalb – und wird meist von mehreren Haushalten gemeinsam genutzt. Wie soll man das eingrenzen? Händewaschen und Desinfizieren ist natürlich möglich, wenn man Zugang zu sauberem Wasser, Seife und Desinfektionsmittel hat.


Und was ist eigentlich mit der Lebensmittelversorgung? Die Märkte sind derzeit noch offen, aber eine Schliessung ist nicht ausgeschlossen. Das wäre verheerend, denn die meisten Einwohner können wegen des geringen Einkommens nur von Tag zu Tag leben, «hamstern» ist hier kaum möglich. Aber dennoch eigentlich nötig, denn: stellt der Staat wirklich im Ernstfall eine Grundversorgung sicher, nachdem jetzt schon der Import gestoppt wurde? Bei einer Schliessung würden auch all «unsere Marché-Frauen» ihre Arbeit und damit ihre Lebensgrundlage verlieren. Doch wie bleibt man auf einem viel zu engen, dreckigen und überfüllten Markt auf Distanz?

Für uns stand vor allem die Frage im Zentrum: Wie können wir dazu beitragen, die Menschen vor diesem Virus zu schützen?

Die Leute informieren und ihnen aufzeigen, wie sie sich schützen können, ist grundsätzlich möglich. Doch wie kann man Social Distancing einhalten, wenn man für die Aufklärung mit dem Taxi in die Dörfer fahren muss, die Menschen dort einen zuerst herzlichst umarmen und dann das Essen mit einem teilen? Auch darf man die Kultur in Westafrika nicht unterschätzen. Hier kann es als sehr grosse Beleidigung angesehen werden, wenn man beispielsweise bei einem Krankheitsfall nicht sofort den Kranken und dessen Familie besucht, um seine Genesungswünsche per Handschlag oder Umarmung auszudrücken.

Und: Ist es nicht menschlich, dass man sich in einem solchen Fall erst einmal «nur» Gedanken macht und keine der Anregungen direkt in die Tat umsetzt, bis man die Auswirkungen und Gefahren des Virus sieht?

In der Hoffnung, die Phase der Wissensaufnahme bis zur Umsetzung zu beschleunigen, haben wir als Team bereits Mitte März erste Massnahmen getroffen. Wir wollen den Leuten zeigen, wie man mit der Situation leben kann und dass wir nur helfen wollen – um eventuell Leben zu retten. Das war auch, wie bereits bei Ebola 2014, einer der Hauptgründe, weshalb wir uns entschieden, als gesamtes Team vor Ort zu bleiben und nicht vorzeitig in die Schweiz zurück zu kehren. Wir wollen vorsichtig sein und uns und andere schützen – aber wir haben keine Angst vor der Krankheit.

Wir führten Gespräche mit der Kirche, mit den Nachbarn, den Freunden und dem Personal im Spital CHRS. Es wurden Informationsmaterialien erstellt, verteilt und erklärt.

Des Weiteren haben wir Händewaschstationen im Hof aufgestellt. Diese haben auch signalisierende Wirkung, denn die Einwohner in und um Macenta kennen diese Stationen nur zu gut: Während der Ebola-Epidemie 2014 waren diese überall verteilt. Da Macenta als Epizentrum von Ebola galt, haben die Leute hier teilweise Erfahrung mit einer Epidemie und sind entsprechend sensibilisiert. Einerseits hilft das jetzt, denn viele, auch unser Team, haben Ebola damals miterlebt und wissen, wie entscheidend es ist, sich an Anweisungen zu halten. Andererseits ist es nun umso aufwändiger, dass sie verstehen, dass sich Corona ganz anders verhält als Ebola: Die Übertragung ist einfacher und schneller, die Symptome sind, wie auch der gesamte Krankheitsverlauf, anders.

Im Spital CHRS haben wir angefangen, zusätzliche Wartebänke und Händewaschstationen zu aufzustellen, haben «Spuckschutzscheiben» an Kasse und Apotheke installiert. Die Patienten werden auf Aufenthaltsorte und Symptome befragt. Aber all das kostet uns nicht nur zusätzlichen Aufwand, es gibt auch Mehrkosten. Und: Woher erhalten wir die ohnehin schon knappen, medizinischen Schutzmasken für die Tuberkulose-Behandlungen?

Wir verzeichnen bereits jetzt einen erheblichen Rückgang der Patienten, denn viele meiden derzeit Spitäler. Dadurch gibt es Patienten, die nun ihre oft überlebenswichtige Behandlung (zum Beispiel HIV) unterbrechen oder eine eventuell tödliche Malaria nicht testen lassen, aus Angst, es sei Corona. Gerade in ländlichen Gebieten wiegt die Angst grösser als das Bewusstsein für die eigene Gesundheit.

Derzeit gibt es ein Gesundheitszentrum ausserhalb von Macenta, das für die Aufnahme von Corona-Verdachtsfällen zuständig ist. Getestet werden kann der Virus jedoch nur im 800 Kilometer entfernten Conakry.

Aber bei allen getroffenen Vorbereitungen und Massnahmen – schlussendlich ist die Ausbreitung, der Höhepunkt und das Ende der Pandemie in einem Land wie Guinea unberechenbar … Wir beten und hoffen, dass es einigermassen glimpflich für alle ausgeht. Die Auswirkungen wird man hier, ebenso wie im Rest der Welt, wahrscheinlich noch lange Zeit spüren.

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