Sri Lanka

Veränderungen bringen Herausforderungen ...

15.3.2021
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10
Min.

Für uns als Familie war das vergangene Jahr einmal mehr ein Übungsfeld für Horizonterweiterung und Charakterschule, eine Feuerprobe für unseren Glauben und für das Zusammenleben als Familie und Leitungsteam. Nach einer ersten «Touristenphase», wo uns jeder freudig empfing, uns neugierig und interessiert beobachtete und das Gespräch und die Gemeinschaft oft suchte, gab es plötzlich auf verschiedenen Ebenen Auseinandersetzungen.

Wir brachten einfach durch unsere Anwesenheit eine neue Dynamik ans CCS, welche nicht alle gleich schätzten – damit galt es umzugehen. Dadurch, dass Ruedi und Margrit S. nicht mehr ans CCS zurückkommen konnten, und auch sonst niemand aus der Schweiz, waren wir gezwungen, in diversen Bereichen neue Wege zu gehen. Aldo hat teilweise eine andere Vorgehensweise, als es sich die Vorarbeiter bisher gewohnt waren. Zudem musste über Veränderungen von Machart und Kompromissen mit der lokalen Bauart diskutiert und nach einheimischem Material und Werkzeug-Ersatz gesucht werden.

… und Chancen

Das führte zu Frust auf allen Seiten, aber mit der Zeit kam es zu positiven Veränderungen: Die Einheimischen im CCS-Team denken nun in baulichen Fragen stärker mit und übernehmen mehr Verantwortung. Auch bei der Mithilfe in sozialen Aufgaben, im Unterricht, bei der Charakterbildung der Lernenden und in organisatorischen Punkten stellen wir ein Wachstum fest. Seit November 2020 sind nun alle drei Vorarbeiter verheiratet, was aus einem anderen Gesichtspunkt eine neue, in unseren Augen willkommene Dynamik ans CCS gebracht hat.

Festlich gekleidet für eine Hochzeit

Ein Jahr und viel Unvorhergesehenes später …

Unglücklicherweise kamen zur Anpassung an die Kultur noch die ganzen Herausforderungen der Corona-Krise dazu, welche unsere Planung und Vorstellungen fürs Projekt komplett über den Haufen geworfen haben. Statt gemeinsam mit Familie B. einsteigen zu können, mussten wir, zusammen mit Sven und Irene, irgendwie ein total anders laufendes Schuljahr managen. Die verschiedensten neuen Rollen und Tätigkeiten zu bewältigen, brauchte sämtliche Ressourcen. Wir kamen mit unseren Fähigkeiten und unserer Kapazität an Grenzen, und manchmal wollten wir fast aufgeben. Zudem kam uns in die Quere, dass wir dachten, vieles aus den Erfahrungen in Kamerun übernehmen zu können. Aber wir stellten dann schmerzhaft fest, dass Asien in einigen Belangen doch ganz anders ist als Afrika. So waren uns beispielsweise Holperstrassen und wuseliger Verkehr mit Tieren auf der Strasse bekannt, aber nicht das Fahren auf der linken Strassenseite.

… sehen wir viel Positives

Unterdessen haben wir uns besser eingelebt und sehen klarer, dass Gott einen Plan mit uns hat. Er hat uns immer wieder die nötige Kraft gegeben. Er braucht, schult und trägt uns durch – auch wenn wir es nicht immer sofort sehen. Wir haben so viele Hilfestellungen von verschiedenen Seiten fürs Homeschooling erhalten, das richtige Material rechtzeitig bekommen, uns nach Krankheitsphasen wieder gut erholen können, Bewahrung auf den Strassen erlebt, ermutigende Erlebnisse machen dürfen und trotz der geknickten wirtschaftlichen Lage im Land genug Arbeitsaufträge erhalten.

Einkauf von Holz

Weiterarbeiten trotz Corona-Pandemie

Für ein tamilisch-deutsches Ehepaar durften wir eine Veranda erstellen. Als es dann zur Ausgangssperre kam, hatten wir genug auf unserem eigenen Gelände zu tun mit den zwei Mitarbeiterwohnungen oberhalb der Schreinereihalle, der neuen Gartenmauer und diversen Reparaturen sowie Fertigstellungen am bestehenden Gebäude. Als es wieder möglich war, auf Aussenbaustellen zu arbeiten, durften wir in Trincomalee ein Dach fertig stellen, für Verwandte unseres Vorarbeiters Joshua eine kleine Wohnung renovieren und für unsere Gemeinde die Pastorenwohnung bauen, welche nun fertig gestellt werden konnte. Die Betreuung der grössten Baustelle in Jaffna gestaltete sich mit allen Massnahmen und der örtlichen Distanz am schwierigsten. Da es ein interessantes Projekt ist – die sechseckigen Bauten sind mit Brücken verbunden – hat es über Facebook einheimische Ingenieurstudenten angelockt, welche gerne ein Praktikum bei uns machen wollten. Leider war das nicht möglich, weil wir keinen Ingenieur haben, der am Schluss eine Bestätigung für das Praktikum hätte unterschreiben können. Wir beten, dass Gott Türen für eine Zukunft mit mehr Potential am CCS öffnet und qualifizierte einheimische Personen mit einer Vision für die Förderung der jungen Leute im eigenen Land im Bereich des Handwerks zu uns schickt, damit solche Erweiterungen des Projekts möglich werden.

Ein interessantes Projekt

Leiden-schaf(f) offene Türen unter Muslimen

A. ist 19 Jahre alt und der jüngste von drei Söhnen eines muslimischen Händlers in Trincomalee. Eines seiner Hauptfächer als Student war der Sport. Im November 2019 stürzte er von einer Palme – sein Leben hing an einem seidenen Faden. Er überlebte, jedoch mit einer (inkompletten) Lähmung der Beine und des Rumpfes. Eine tiefe Wunde über dem Steissbein, die aus einer Druckstelle entstand, verschlimmerte seinen Zustand noch. So lag er mager, entmutigt, krank und schwach auf einem schlecht gepolsterten Bett in einem dunklen Wohnzimmer hinten im Gebäude der Pouletmetzgerei, bei welcher Margrit regelmässig einkaufte. Im Februar 2020 folgten wir, Margrit und Rahel, der Bitte, nach ihm zu sehen. Wir gaben erste Lagerungs-, Pflege- und Kräftigungstipps. Es folgten zwei weitere Besuche, bei welchen wir mit ihm arbeiten konnten, so gut es sein Zustand zuliess – er hatte eine Blasenentzündung wegen des Katheters und Schmerzen im operierten Bereich.

Gott hat geholfen

Und dann kam die Corona-Pandemie und wir konnten nicht mehr zu ihm gehen. Wir befürchteten, ihn nach dem kompletten Lockdown nicht wieder zu sehen. Doch wir beteten – und Gott half. Als Aldo und ich A. im Juni 2020 wieder trafen, waren wir sehr dankbar, denn er war in einem wesentlich besseren Zustand. Die Verwandten hatten mit den wenigen Tipps und Übungen und mit viel Disziplin einiges erreicht, und der junge Mann hatte wieder Mut und Kampfwillen gefasst. Seither besuchen wir ihn so regelmässig wie möglich. Die Familie ist dankbar für die Therapiestunden im eigenen Zuhause, denn der Aufwand, ihn ins öffentliche Spital zu bringen, ist ermüdend, frustrierend und zudem aufgrund von Covid-19 im Moment nicht sinnvoll. Leider zieht sich aus dem gleichen Grund die Beschaffung eines geeigneten Rollstuhls in die Länge.

Die Herzen öffnen sich

Mit der Dankbarkeit wuchs langsam Vertrauen, die Gespräche wurden persönlicher und dann erlaubte die Familie uns, mit ihnen zu beten. Nach und nach spürten wir, dass Gott uns da eine Tür öffnet, um Muslimen in Liebe begegnen zu können. Dafür brennt unser Herz schon lange! Muslime sind in Sri Lanka eine Minderheit und seit den Anschlägen von Ostern 2019 wird ihnen erst recht Misstrauen und Abschätzung entgegengebracht und sie werden unterdrückt. Aus diesem Grund sind sie frustriert und begegnen Fremden mit Skepsis und Ablehnung. Sie wissen, dass wir christlich geprägt sind, auch wenn wir mit dem CCS als neutrale Einrichtung arbeiten. Bis jetzt hat sich noch kein Muslim für einen Kurs angemeldet oder einen Bauauftrag gegeben.

Schritte aufeinander zu machen

Möchte Gott dies ändern? Gibt er uns die Weisheit, Geduld und das Gelingen, dranzubleiben und diese Minderheit mit ins Boot zu holen? Natürlich ist es unser Wunsch, dass sie in eine persönliche Beziehung mit Gott durch Jesus finden dürfen. Aber allein schon ein friedlicheres Miteinander der Religionen wäre ein Fortschritt für die nächste Generation in Sri Lanka. Wir möchten unseren Teil dazu beitragen, so gut es geht, und ein friedliches Miteinander und gegenseitige Annahme aller möglichen Denominationen und Volksgruppen vorleben. Dies wird noch viel Kraft, Fingerspitzengefühl und Gottes Eingreifen brauchen, weil die Prägungen so tief sind.

Rahel und Aldo R.

Lernende stellen Zementsteine her

EIN SCHWIERIGER START

K. und N. sind verheiratet, etwa in unserem Alter und haben drei Kinder. Sie leben seit zehn Jahren in Trincomalee und sind in der Gastronomie tätig. Die Herausforderungen in ihrem Leben begannen aber nicht erst durch die Corona-Pandemie, sondern schon früher. K. stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Bereits als er noch zur Schule ging, hatte er einen Abendjob als Tellerwäscher im Grand Hotel in Nuwara Eliya. Dabei bewährte er sich und ihm wurde eine Lehrstelle als Koch angeboten. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in verschiedenen Hotels und konnte so seine Kochkünste immer weiterentwickeln. Mit 25 Jahren lernte er N. kennen und lieben, welche damals 18 Jahre alt war. N. stammt aus einem moslemischen Elternhaus und daher waren ihre Eltern gegen die Verbindung mit K., einem Christen. Die Eltern von N. wollten sie mit einem ihr unbekannten Muslim verheiraten. Um dem zu entgehen, flohen die beiden in einer Nacht- und Nebelaktion. Etwa ein Jahr lang mussten sie sich vor der Polizei verstecken, denn die Eltern von N. liessen sie suchen. N. erzählte uns: «Am ersten Abend, als wir von zu Hause weggelaufen waren, knieten wir beide hin und beteten zusammen um Gottes Führung für unser Leben. Für mich war das neu, denn ich kannte Jesus damals noch nicht. Ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass er mich nie gedrängt hatte, Jesus nachzufolgen. Ich durfte Gott selbst kennen und lieben lernen. Das war für mich sehr wichtig.»

Die Arbeit florierte

Nachdem N. und K. geheiratet hatten, war es ihnen möglich, sich wieder mit der Familie von N. zu versöhnen. Aber schon bald nachdem sie ihr erstes Restaurant in Trincomalee eröffnet hatten, gab es Probleme in der Familie von K. Er holte seine Mutter und seine Schwester zu sich und alle arbeiteten zusammen im Restaurant: K. und seine Mama kochten, N. servierte und seine Schwester wusch ab. Das Restaurant lief sehr gut und die Touristen kamen in Scharen, manchmal sogar ganze Busse voll. Sie konnten zwei weitere Restaurants eröffnen, das eine unter der Leitung der Schwester und das andere unter der Leitung des Bruders von K.

Das erste Restaurant von K.

Dann kam Corona…

In den ersten Monaten der Pandemie konnte das Ehepaar die Miete für das Restaurant und das Schulgeld für die Kinder noch von ihrem Ersparten bezahlen, aber als die Flaute anhielt, gerieten sie in Geldnot und die Schwester musste ihr Restaurant ganz schliessen. Sie versuchten es mit verschiedenen anderen Geschäftsideen, welche gerade genug Geld einbrachten, um etwas zu essen auf dem Tisch zu haben. Dank diverser kleinerer regelmässiger Aufträge, unter anderem auch vom CCS (sie beliefern das CCS jeden Sonntag mit Essen, wenn unsere Köchin frei hat), und der Unterstützung von Freunden war es K. und seinem Bruder möglich, ihre Restaurants am Laufen zu halten. Mittlerweile haben beide ihre Restaurants auf Kundschaft vor Ort umgestellt, da es nicht so aussieht, als ob die Touristen so bald wiederkommen würden.

Blick auf das Gute

Auch wenn die aktuelle Situation K. manchmal traurig stimmt, ist er trotz all der Schwierigkeiten, die sie erlebt haben, sehr dankbar: «Mein Traum war es immer, dass wir als Familie zusammen sind, dass wir unser Leben und unsere Arbeit teilen können und so viel Zeit wie nur möglich gemeinsam verbringen. Und genau das machen wir – ich lebe also meinen Traum.» Diese Liebe und Leidenschaft für die Familie und für den Beruf ist bei der ganzen Familie deutlich spürbar. Sie sind eine Inspiration, wie sie sich nicht unterkriegen lassen und trotz aller Probleme immer wieder neue Ideen entwickeln.

Irene und Sven K.

AUSREISEN ENDLICH IN SICHT

Gut ein Jahr hat Familie B. nun auf ihre Ausreise gewartet. Die nervenaufreibende Warterei sollte nun Anfang Mai ein Ende nehmen. Der Flug und das Quarantäne-Hotel, welches während der ersten zwei Wochen belegt werden muss, sind gebucht. Mit Stefan und Daniela und ihren vier Kindern reist auch Micha W., ein deutscher Schreiner, aus. Er plant, ein Jahr am CCS mitzuarbeiten. Bitte betet für den komplizierten Visaprozess und das alles klappt, denn eine weitere Verzögerung wäre für alle Beteiligten sehr schwer verdaulich.

Andreas Zurbrügg, Länderverantwortlicher

SAM global
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