Guinea

Dankbar den Horizont erweitern

14.4.2021
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5
Min.

Erschienen im IDEA DAS CHRISTLICHE SPEKTRUM 15.2021 vom 14. April 2021 (hier leicht gekürzt)

Seit zwei Jahren leiten Cornelia und Peter F. Gästehaus der Non-Profitorganisation SAM global in Conakry, Guinea. Davor haben sie 23 Jahre lang christliche Hotels im Tessin geführt. Wie geht es ihnen in der total neuen Umgebung?

Als wir 50 wurden haben wir uns überlegt, wie wir unser Leben weiter gestalten wollen“, erzählt Cornelia Flückiger. Ihre Kinder sind erwachsen und sie und ihr Mann Peter konnten sich einen sinnstiftenden Neuanfang vorstellen, auch im Ausland. Zuvor haben die beiden während 17 Jahren das VBG-Zentrum Casa Moscia in Ascona und 6 Jahre lang die Casa Emmaus in Losone geleitet. „Wir haben Gaben und Fähigkeiten, die auch anderswo eingesetzt werden können“, sagt Peter. Schon während der Zeit in Moscia unterstützten sie Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit. Einmal meinte ein Feriengast: „Ihr solltet nach Conakry!“ Als dieselbe Frau einige Jahre später erneut von einer offenen Stelle in Guineas Hauptstadt erzählte, prüfte das Ehepaar auch diese Option. Und tatsächlich: Im Januar 2019 flogen sie nach Afrika und übernahmen die Leitung des Gästehauses von SAM global.

Vor Ort auf Bedürfnisse reagiert

Im Gästehaus kümmert sich Peter um Administratives wie Buchhaltung, Beschaffung von Visa, Organisation der Transporte vom und zum Flughafen und anderes mehr für die 40 Mitarbeitenden von SAM global und die 15 einheimischen Mitarbeitenden in Guinea. Diese bewachen Tag und Nacht das Grundstück, arbeiten als Chauffeur, Automechaniker, Haushaltangestellte oder Büroassistenten. Cornelia ist ausgebildete hauswirtschaftliche Betriebsleiterin mit grosser Erfahrung. Die Gästebetreuung im 15-Bettenhaus lastet sie nicht ganz aus, obwohl sie neben den Leuten von SAM global immer wieder auch solche anderer NGO aufnimmt. Nachdem sie den Bedarf abgeklärt hatte, gründete sie im Oktober 2019 eine Schule für Hauswirtschaft. Hier bildet sie in sechs Monaten jeweils sechs junge Frauen in den Bereichen Reinigung, Wäscherei und Küche aus. Danach finden sie als Hauswirtschafterinnen bei Expads, als Angestellte bei NGO oder Firmen gute Stellen. Ihre Familien profitieren von diesem festen Einkommen.

Kochunterricht


Ausserdem wurde Cornelia von einem Spitaldirektor angefragt, ob sie auch sein Reinigungspersonal schulen würde. Cornelia beschreibt: „Noch immer sterben in Guinea jährlich 3000 Frauen bei der Geburt und viele Kleinkinder wegen Malaria und Durchfallerkrankungen.“ Hygieneunterricht ist daher hochaktuell, nicht nur wegen Corona.

Die aktuelle Klasse

Ein kilometerlanger Slum

„Guinea ist eines der ärmsten Länder Afrikas, und Conakry gilt als dreckigste Hauptstadt der Welt“, sagt Peter. „Die Stadt besteht praktisch aus einem 40 Kilometer langen Slum entlang zweier Hauptstrassen.“ Abfall wird auf die Strasse geworfen, überall liegt Plastik herum. Der nahe Meeresstrand ist nicht nutzbar, und oft verenden Tiere, weil sie den Dreck fressen. Also startete der 56-jährige Schweizer ein Sammelprojekt für Kunststoff. Er motivierte einen Guineer, Plastik einzusammeln und an die örtliche Recyclinganlage zu verkaufen.

Verschmutzter Strand - überall Abfall


Inzwischen beschäftigt dieser Mann bereits weitere Sammler. Traditionell sorgen Männer für das Dach über dem Kopf und das Essen; die Frauen müssen dazu verdienen, um die Kinder zur Schule schicken oder Arztrechnungen bezahlen zu können. 83 Prozent der Einheimischen leben von 1 bis 2 Dollar pro Tag. „Wir begegnen hier einer völlig anderen Mentalität, leben in einer komplett anderen Welt“, bestätigt das Ehepaar. „Es ist anstrengend hier, aber gleichzeitig eine grossartige Lebensschule“, finden sie. Cornelia meint, es hätte ihnen gar nichts Besseres passieren können. Klar hätten sie viel loslassen müssen, auch Materielles. Doch hier in Afrika freuten sich die Menschen an kleinen Erfolgen, und das Zusammenleben mit anderen transkulturellen Mitarbeitenden wirke nachhaltig positiv. „Wir fühlen uns zu Hause und sehen viele Möglichkeiten, etwas zu verändern“, betonen die beiden.

Plastiksammelprojekt

Mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein

Zusammen mit der MAF hat SAM global kürzlich ein grosses Haus an einer Hauptstrasse gemietet. Das Nebengebäude wurde umgebaut, um zusätzlich Schulzimmer und eine Schulküche unterzubringen. Das ehemalige Gästehaus lag zu weit abseits. Jetzt bewohnt es ein einheimischer Pfarrer mit seiner grossen Familie. Das Ehepaar lebt in unmittelbarer Nachbarschaft mit Einheimischen. „Wir haben die Menschen ins Herz geschlossen“, sagt die 54-jährige Cornelia. Wenn sie mit Peter durchs Quartier spaziert, folgt ihnen oft eine Gruppe Kinder. So erfahren sie, wo Not und Krankheit herrschen. Als ehemalige Pflegefachfrau versorgt Cornelia Wunden, die oft am offenen Herdfeuer entstehen, oder sie bietet Gebet an. Die meisten Guineer sind Muslime. Die Mehrzahl der Familien lebt von der Hand in den Mund. Die grassierende Korruption verstärkt die Perspektivelosigkeit. Peter und Cornelia betonen: „Es gibt hier so viele Möglichkeiten, auch fürs Weitergeben des Evangeliums!“ Nur dieses bewirke eine nachhaltige Veränderung bei Menschen. Die gute Nachricht müsse nicht immer in Form einer Predigt daherkommen. Die Menschen spürten, wenn man sich aufgrund von Gottes Liebe um sie kümmere.

Das Schweizer Ehepaar wünscht sich, dass mehr Menschen aus der Komfortzone aussteigen und ihre beruflichen und andere Ressourcen an Orten einbringen, wo Mangel herrscht. Den Einwand, Einzelne könnten ja nur einen Tropfen auf den heissen Stein bewirken, entkräften sie mit dem Hinweis, dass dies in der Schweiz auch nicht anders sei. "Jeder einzelne Mensch, jede einzelne Familie ist es wert, dass man sich sich für sie einsetzt", sagen Peter und Cornelia mit Überzeugung. Die beiden planen denn auch, bis zur Pensionierung in Afrika zu bleiben.

Mirjam Fisch-Köhler
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