Guinea

Nicht nur der Patient muss auf die Zähne beissen

19.11.2020
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5
Min.

Hilfe bei Verbrennungen

Seit Ende September, respektive Mitte Oktober, sind wir europäischen Langzeitmitarbeitenden nun wieder zurück im AV Süd. Unser Heimataufenthalt dauerte schliesslich, bedingt durch Covid-19, länger als erwartet. Doch während unserer sechsmonatigen Abwesenheit haben unsere guineischen Mitarbeitenden weitergearbeitet und Projekte, in welchen es möglich war, selbständig weitergeführt.
Eines dieser Projekte beinhaltet die Pflege von Verbrennungsopfern. Dies führte einer unserer Wächter, Sadio, gewissenhaft weiter. Über die letzten Jahre hat er gelernt, wie die Wunden zu pflegen sind und kann nun die Patienten eigenständig behandeln. Das Projekt stellt die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung, damit das Verbandsmaterial, welches für die Leute hier sehr teuer ist, gekauft werden kann. Dieses Material besorgen wir bei lokalen Apotheken in der Stadt oder erhalten es als Spende aus Europa. Eine Salbe zur Behandlung stellen wir selber her, aus einfachen, lokalen Zutaten: Zwiebeln, Moringa, Sheabutter, Olivenöl und Kerzenwachs. Alles wird in der richtigen Dosierung gemischt, gekocht und durch ein Tuch gesiebt – fertig ist die wirkungsvolle Heilsalbe. Zwiebeln wirken antibiotisch, Moringa hilft bei der Wundheilung, Sheabutter und Olivenöl sind gut für die Haut und das Kerzenwachs hilft, die anderen Zutaten zusammenzuhalten und gibt der Salbe die richtige Konsistenz.

Selbst hergestellte Heilsalbe

Sterben, weil die Behandlung zu teuer ist?!

Die meisten Einwohner unserer Stadt können sich keine medizinische Versorgung leisten. Dadurch verheilen Wunden oft nur sehr schlecht und können, wie auch andere behandelbare Krankheiten, schnell zum Tod führen. Die Behandlung bei uns ist kostenlos. Zum Teil kommen die Patienten aus abgelegenen Dörfern und nehmen einen langen Weg auf sich. Diese Arbeit bietet eine gute Möglichkeit, mit den Leuten in Kontakt zu kommen und sie besser kennen zu lernen. Die Patienten fassen Vertrauen und so erhalten wir oft die Gelegenheit, für die Patienten beten zu dürfen.

Gefährliche Gewohnheiten

Sadio pflegte in den letzten Monaten neben einigen Erwachsenen auch viele Kinder, welche sich verbrannt haben. Weil die meisten Leute in Guinea immer noch auf dem Feuer im Freien kochen, kommt es leider oft vor, dass sich Kinder mit heissem Wasser verbrennen oder beim Spielen ins offene Feuer fallen. Diese Kochmethode ist, abgesehen von der Verbrennungsgefahr, auch nicht wirtschaftlich: Es braucht viel Holz und Kohle, bis die Pfanne heiss ist und endlich gekocht werden kann. Aber da dies seit Generationen so gemacht wird, harzt es bei der Umstellung auf Alternativen, die es durchaus gibt, beispielsweise sparsame und sichere Lehmöfen, deren Bau wir aktiv fördern. Eine andere Ursache für schwere Verbrennungen ist das Abbrennen der Felder. Während dieser Arbeit in der Trockenzeit kommt es immer wieder zu schlimmen Unfällen.

Gefährliches Abbrennen von Feldern

Nicht nur der Patient muss die Zähne zusammenbeissen

Jeder neue Patient ist immer wieder eine Herausforderung: Zuerst muss die verbrannte Stelle gereinigt werden. Leider versuchen die Leute oft zuerst, ihre Verbrennungen selber zu versorgen und streichen alles Mögliche in die Wunde, wie beispielsweise Zahnpasta oder Öl! Es kommt auch vor, dass die Verbrennung bereits infiziert ist und eitert, weil zu lange mit der Behandlung gewartet wurde. Nach der Reinigung muss die verbrannte und abgestorbene Haut entfernt werden. Dabei sei erwähnt, dass diese Behandlungen ohne Schmerzmittel stattfinden. Wer sich schon einmal nur den Finger ein wenig verbrannt hat, weiss, wie schmerzhaft eine Verbrennung ist. Die Behandlung der Kinder ist meistens, je nach Verbrennung, noch herausfordernder als bei Erwachsenen. Wenn sie weinen oder vor Schmerzen schreien, tun sie einem natürlich sehr leid. Am Ende jeder Behandlung winkt aber ein Bonbon oder ein Lollipop zur Belohnung. Dies kann dann schnell wieder ein Lächeln auf die Gesichter der kleinen Patienten zaubern. Je nach Schweregrad der Verbrennung kommen die Patienten etwa alle zwei Tage, um den Verband zu wechseln. Die Behandlungsdauer beträgt meistens gegen drei bis vier Wochen, bis die Wunde soweit verheilt ist, dass es keine Intervention mehr braucht und der Rest noch selber abheilt. Generell ist die Dankbarkeit der Patienten und Angehörigen sehr gross, und nicht selten werden wir am Ende mit einem Geschenk überrascht.

Ein trauriger Anblick

Das wertvolle Wissen weitergeben

Die Wunden der Patienten der letzten Monate, welche Sadio eigenständig behandelt hat, sind alle gut verheilt. Dies ist vor allem während der Regenzeit nicht selbstverständlich. Selbst bei guter Pflege der Wunde durch Desinfektion und regelmässigen Verbandswechsel können sich Wunden sehr schnell infizieren. Sie beginnen dann zu eitern und der Heilungsprozess verläuft nur sehr langsam. Seit unserer Rückkehr unterstützt nun Prisca Sadio wieder bei dieser Arbeit. Unser Ziel ist es, das Wissen für die Behandlung noch an weitere einheimische Personen weiterzugeben. Die Besorgung des Verbandsmaterials wird jedoch eine Herausforderung bleiben, denn viele können sich das schlicht nicht leisten.

Sadio weiss, was zu tun ist

Aktuelle Lage in Guinea

Wir sind dankbar, dass Guinea im Vergleich zu den europäischen Ländern sehr wenig von Covid-19 betroffen ist. Jedoch wurde das Land aktuell von einer politischen Krise heimgesucht, die das Leben und Arbeiten der Leute sehr stark einschränkte. Auch unsere Arbeit wurde dadurch betroffen und unsere Projekte konnten noch nicht alle wunschgemäss wieder gestartet werden. Wir hoffen, dass Guinea bald wieder zur Ruhe kommt und Frieden einkehrt.
Sandro, Projektleiter

SAM global
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