Guinea

Noch keine Normalität in Sicht

28.9.2020
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5
Min.

Noch keine Normalität in Sicht

Es ist halb neun abends: Sirifou sitzt alleine gelangweilt auf meiner Terrasse. «Wo sind denn deine Kollegen?» frage ich ihn. «Die schauen sich eine DVD an», meint er, «aber ich habe in den letzten Wochen so oft Filme geschaut, dass ich wirklich keine Lust mehr habe. Hast du nicht ein neues Spiel aus der Schweiz mitgebracht, Tanti Binta?» Seit Mitte März sind die Schulen geschlossen und die Kinder sind der «Corona-Ferien» überdrüssig. An «Homeschooling» ist hier nicht zu denken. Es fehlt an Strom, an Computer, am «Know-how» …

Kleines Team wieder vor Ort

Bisher verschont geblieben

Mitte August konnten Familie M. und ich wieder nach Guinea zurückreisen. Das Einreisen war wesentlich komplizierter als sonst. Auf der Reise im Inland war das Maskentragen obligatorisch und den negativen Covid-Test mussten wir x-mal vorweisen. In unserer Stadt jedoch gibt es keinerlei Einschränkungen betreffend Corona mehr. Man trifft sich auf dem Markt, bei den Leuten zu Hause, in der Kirche. Es finden Hochzeitsfeste, Namensgebungen und Beerdigungen statt wie eh und je. Die Einheimischen sind überzeugt, dass es in unserer Stadt keine Covid-19-Fälle gegeben hat, und das scheint zu stimmen. Wir hörten von keinen Kranken mit entsprechenden Symptomen oder gar verstorbenen Bekannten, Nachbarn oder Mitarbeitenden. Es ist im Alltag nicht einfach, weniger oft die Hände zu schütteln und zu den Leuten mehr Abstand zu wahren. In der Schule tragen die Lehrer und Schüler zwar Masken, ziehen sie aber beim Sprechen unter das Kinn...

Eingeschränkter Schulbetrieb

Damit nicht das ganze Schuljahr für ungültig erklärt werden musste, konnten die Abschlussklassen (6. und 10. Klasse) im Juli für einen Monat zur Schule. Das Schulprogramm wurde beendet, die Lektionen repetiert und Anfang August fanden die Aufnahmeprüfungen für die höheren Klassen statt. Von der ActionVIVRE-Schule schafften 24 von 42 Schülerinnen und Schüler die Aufnahmeprüfung in die 7. Klasse. Das sind immerhin mehr als 50%, auch wenn der Prozentsatz in den vergangenen Jahren wesentlich höher gewesen war. In den öffentlichen Schulen schafften jedoch nicht einmal 10 % die Prüfungen. Die Resultate für die 10. Klässler fehlen noch.
Im September beenden nun die übrigen Klassen das Schuljahr 2019/20. Viele Lektionen müssen in drei, vier Wochen erklärt werden und und es muss evaluiert werden, wer in die nächste Klasse versetzt werden kann. Im November soll dann das neue Schuljahr 2020/21 offiziell beginnen.

Wiederaufnahme des Unterrichts

Auswendig lernen steht immer noch im Vordergrund

Dieses überaus schwierige Schuljahr hat natürlich nicht geholfen, das Schulniveau der Kinder zu heben. Während in der Schweiz unter anderem selbständiges Denken, verschiedene Lösungswege suchen und erkennen, korrekt und präzise arbeiten, in vorgegebener Zeit fertig werden, Zusammenhänge erkennen und praktisches Anwenden geübt und gefördert werden, lernen die guineischen Kinder ganz anders. Meistens müssen sie am Schluss der erklärten Lektion einen Merkvers korrekt auswendig lernen. Wie viel von der Lektion wirklich verstanden wurde, ist nicht so wichtig. Mit eigenen Worten eine Zusammenfassung zu schreiben oder einen anderen Lösungsweg zu suchen, sind sich auch Oberstufenschüler nicht gewohnt.

Neue Lehrmethoden lernen und anwenden

Viele Lehrpersonen unterrichten schon seit Jahren, ohne je eine pädagogische Ausbildung absolviert zu haben. So unterrichten sie auf mehr oder weniger die gleiche Art und Weise, wie sie selber vor zwanzig oder dreissig Jahren unterrichtet wurden. Einige Lehrer nehmen jeweils gerne am Sommerkurs von ENTA teil, einer christlichen Privatschule in Conakry, welche uns in der Anfangszeit sehr unterstützt hat, sowohl in der Personalsuche und -führung als auch mit pädagogischer Beratung der Lehrpersonen. Leider fiel auch der Sommerkurs in diesem Jahr aus. Umso mehr freut es uns, dass ein begabter Primarlehrer letzten Herbst die Weiterbildung zum Oberstufenlehrer begonnen hat. Bei den Zwischenprüfungen war er von über 200 Schülern Klassenbester. Während der vergangenen Wochen half er tatkräftig bei den Vorbereitungen für die Aufnahmeprüfungen mit. Mit viel Freude hat er das neu Gelernte angewandt. Nächste Woche wird er wieder nach Conakry reisen, um die Weiterbildung fortzuführen.

Zusammenarbeit auf neuer Basis

In der Zusammenarbeit mit ENTA hat es in den vergangenen Monaten einige Missverständnisse gegeben. Nun konnte ich nach meiner Rückkehr aus der Schweiz mit Maître Kaliva, unserem Schuldirektor, ein klärendes Gespräch mit den Verantwortlichen von ENTA führen. Wir dürfen weiterhin von ihrem Angebot von Aus- und Weiterbildungen profitieren. Bei der Wahl unserer Lehrpersonen haben wir nun jedoch freie Hand – dafür auch mehr Verantwortung, wenn es Schwierigkeiten geben sollte. So werden wir auch in der Personalführung mehr und mehr selbständig.

Bibliothek

Informatik-Kurse geplant

Zu unserer grossen Freude konnten wir im vergangenen März das «CIB» (Informatikzentrum und Bibliothek) einweihen. Leider wurden kurz danach die Schulen geschlossen. Im Stundenplan für das nächste Schuljahr, das wie erwähnt erst im November anfangen wird, sind jedoch für die Oberstufenschüler Computer-Kurse eingeplant. Die Schüler freuen sich natürlich sehr darauf. Ich hoffe, dass wir dafür eine Lehrperson gewinnen können, die neben der Fachkenntnis auch das Anliegen für die Weitergabe der Frohen Botschaft hat.
Daniela S.

CAMAV – verpassten Unterricht aufholen

Am 1. September haben wir nach vier Monaten Coronapause wieder mit dem Unterricht gestartet. Wir versuchen nun, den verpassten Unterricht in einem Monat aufzuholen, damit die Lehrlinge im Oktober dann die Abschlussprüfung machen können. Gleichzeitig sind wir am Vorbereiten für den neuen Lehrgang, der schon bald starten wird.
Simon M.

Kindergarten – vorbereiten und motivieren

Wegen der Corona-Pandemie mussten wir die Kindergärten zwei Monate früher als geplant schliessen. Gestartet wird erst wieder im November. Souleymane hält die Stellung vor Ort. Er kümmert sich darum, dass unsere freiwilligen Mitarbeitenden die Hefter für das nächste Schuljahr vorbereiten. Zudem pflegt er immer wieder die Kontakte mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer und versucht, sie zu motivieren, einen eigenen Kindergarten zu starten.
Naemi S.

SAM global
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